Supinationstrauma – Innovativer Behandlungsansatz

Umgeknickt?
Die Auswirkung eines Supinationstrauma betrifft nicht nur das Sprunggelenk, sondern auch das Nervensystem. Wie Faktoren wie Sensorik, Gehirn und Stabilität zusammenhängen, und warum Standardübungen oft nicht reichen, kannst du hier lesen.

Was bedeutet das?

Ein Supinationstrauma ist eine Verletzung des oberen oder unteren Sprunggelenks, die entsteht, wenn der Fuß nach außen umknickt. Umgangssprachlich sagt man oft auch einfach: „Ich bin umgeknickt.“

Quelle Bild: Al-Mohrej OA, Al-Kenani NS. Acute ankle sprain: conservative or surgical approach?. EFORT Open Rev. 2017;1(2):34-44. Published 2017 Mar 13. doi:10.1302/2058-5241.1.000010

Wie passiert das typischerweise?

  • beim Sport (Laufen, Stop and Go Sportarten wie Tennis, Fussball, Volleyball etc.)
  • auf unebenem Untergrund
  • beim Stolpern oder falschen Auftreten
  • auch im Alltag (Bordsteinkante, Stufen, Schuhe mit schlechtem Halt)

Was wird dabei verletzt?

Je nach Schweregrad und Verletzungsmechanismen können folgende Strukturen bei einem Supinationstrauma betroffen sein:

  • Bänder am Außenknöchel (am häufigsten, meistens Lig. Talofibulare anterius oder Lig. Calcaneofibulare) 
  • Gelenkkapsel
  • Sehnen (vor allem Peronealsehnenläsionen)
  • in schweren Fällen auch Knochen und Knorpel (z. B. kleiner Bruch eine sogenannte Avulsionsfraktur, Knorpelschäden oder ein Knochenmarksödem)
Abb. aus: PROMETHEUS Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem

Typische Symptome

  • plötzlicher Schmerz
  • Schwellung
  • Bluterguss auch Hämatom genannt 
  • eingeschränkte Beweglichkeit
  • Gefühl von Instabilität
  • manchmal hört oder spürt man ein „Knacken“

Schweregrade 

  1. Leicht: Überdehnung der Bänder
  2. Mittel: Teilriss eines oder mehrerer Bänder
  3. Schwer: kompletter Bänderriss oder zusätzliche Knochenverletzung

Behandlungsschema PEACE & LOVE

Dubois B, Esculier JF. Soft-tissue injuries simply need PEACE and LOVE. Br J Sports Med. 2020;54(2):72-73. doi:10.1136/bjsports-2019-101253

Das alles ersetzt keine ärztliche Diagnose und bildgebende Verfahren sind je nach Symptomatik absolut relevant. 

Therapie mit Neuroathletik

So viel zur Theorie, ich möchte nun einen Einblick in eine klassische Therapiesituation bei einem Supinationstrauma und einen Zugang auch über die Neuroathletik geben.

In der Befundung und beim Ersttermin sind das wichtigste, nachdem man eine ärztliche Diagnose hat und weiß welche Struktur verletzt ist herauszufinden, wie es genau passiert ist. Welche Bewegungen funktionieren oder sind limitiert, wie ist die aktuelle Situation in Bezug auf Wahrnehmung und Stabilität im Fuß/Sprunggelenk. Wann und welche Bewegung ist schmerzhaft. 

Warum ist das alles wichtig? 

Bei der Ansteuerung von Bewegungen ist im Gehirn die größte Priorität Sicherheit.
Während einer Bewegung liegt der Fokus des Gehirns auf der Verarbeitung von sensorischen Inputs aus den Knochen/Bändern/Muskeln.

Was bedeutet sensorischer Input?

Die Wahrnehmung über den Zustand, Position des Gelenkes, Aktivität von Muskeln, Wärme, Schwellung. Alle Informationen werden an das Gehirn gesendet. Wenn das Gehirn nicht in der Lage ist die gesamte Sensorik optimal zu verarbeiten, gibt es auch keinen idealen motorischen Output als Antwort.
Übersetzt keine stabile und sichere Bewegung. 

Die meisten Patienten geben einen scharfen Schmerz im ersten Moment bei der Verletzung an, in Folge dessen eine (starke) Schwellung bzw. nicht auftreten zu können. Schmerz ist ein Signal, durch welches der Motorische Output (Bewegung) über das Gehirn angepasst wird. Wenn nicht genug Sicherheit oder die richtige Information da ist, kommt entweder ein Schmerzsignal oder eine Spannung im muskulären System. 

Sehr oft tritt durch den Verletzungsmechanismus eine Reflexinhibition (Unterdrückung oder Ausbleiben einer Muskelkontraktion) von Muskeln in der vorderen Oberschenkelmuskulatur auf.  Aufgrund von arthrokinematischen Reflexen (Gelenks/Knochenposition) wird die Stellung der Fußwurzelknochen und Gelenke an das Gehirn rückgemeldet.

Der Fuß ist die Basis unserer Stabilität beim Gehen bzw. der Fortbewegung. Wenn es in den Fußwurzelknochen zu einer kleinen ´Verschiebung´ oder einem externen Stress kommt, hat das Auswirkung auch auf Knie, Hüfte und Wirbelsäule. 

Wusstest du dass 90 % unserer Bewegungen über ein unwillkürlich gesteuertes System ablaufen? Nur 10% können wir bewusst kontrollieren.

Somit ist es sinnvoll die motorischen Funktionen von Fuß, Knie, Hüfte und Wirbelsäule über spezifische funktionelle Tests in spezifischen Positionen zu testen. Natürlich gehört ein passiver Test der Gelenke dazu, um einen Eindruck über die Situation zu bekommen. Zusätzlich wird auch der Stand der Wundheilung und Schmerz kontrolliert. 

Subjektive Tests wie Schmerzlevel und arthrokinematische Reflexe sind genauso wichtig wie objektive Tests wie Beweglichkeit, Kraft, Funktionen des Kleinhirns und eventuell sogar über das periphere Gesichtsfeld zu arbeiten. Hier werden die Antworten vom zentralen Nervensystem auf einen Stimulus überprüft. 

Womit starte ich somit?

Beweglichkeitstests unter anderem die Beugung des Knies über das Sprunggelenk und Bewegungsprogramme die nach der Verletzung verfügbar sind. Man kann die Muskeltests und die Mobilität der Fußwurzelknochen in Rückenlage auf Kraft und Sensibilität testen bzw. mobilisieren und im Stand die Bewegung und Stabilität erneut testen. Wenn es Einschränkungen gibt, kann man über Mobilisationstechniken im peripheren Nervensystem den sensorischen Input verstärken um einen besseren motorischen Outcome zu bekommen. Wenn das funktioniert, kann man mit dem klassischen Reha Aufbau mit aktiven Maßnahmen wie Koordinations- und Krafttraining beginnen.

Ich gebe hier bewusst keinen Übungsaufbau, weil das immer individuell an den Patienten anzupassen ist. Es gibt unterschiedliche Verletzungsgrade und auch emotionale und bio-psycho-soziale Voraussetzungen. Man kann keinen Standardplan vorgeben, man kann jedoch sehr wohl die Ziele definieren und die Übungen spezifisch an den Patienten, Verletzungsmechanismus und die verletzte Strukturen anpassen. 

Ziel der Reha

  • volle Beweglichkeit zurückgewinnen
  • Stabilität im Sprunggelenk aufbauen
  • erneutes Umknicken vermeiden
  • sicher zurück in Alltag & Sport finden

Einblick in die Neuroathletik

Wie bereits beschrieben, ist es schwierig genau zu beschreiben, welche Therapieinhalte angewendet werden, weil sich das von der jeweiligen Situation, Person, Testergebnisse usw. ergibt.

Damit Du aber einen gewissen Einblick bekommst, sind hier ein paar Auszüge, wie Inhalte aussehen können.

Take Home Message

Ein Supinationstrauma entsteht durch Umknicken des Fußes und betrifft häufig die Außenbänder des Sprunggelenks. Je nach Schweregrad reichen die Verletzungen von Bandüberdehnungen bis hin zu Rissen oder knöchernen Begleitverletzungen. 

Typische Symptome sind Schmerz, Schwellung, Bluterguss und Instabilität. 

Die Akutversorgung folgt dem PEACE-&-LOVE-Prinzip.

Für eine erfolgreiche Rehabilitation ist neben der strukturellen Heilung vor allem die sensorische Verarbeitung im Nervensystem entscheidend. Nur wenn das Gehirn wieder Sicherheit aus den Informationen von Fuß, Gelenken und Muskeln erhält, kann stabile und schmerzfreie Bewegung entstehen.

Deshalb muss die Therapie individuell, funktionell und neurozentriert erfolgen – mit dem Ziel, Beweglichkeit, Stabilität und eine sichere Rückkehr in Alltag und Sport zu gewährleisten.

Dieser Blog wurde von Bettina Moser verfasst.

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